Atelier Frey

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An-Spruch der Mit-Teilung

von Doris Buhss

Schönhauser Allee. Ich bin mit Jörg Frey verabredet. Umgeben von der Fülle der Reize einer Hauptgeschäftsstraße überquere ich die nächste große Ampelkreuzung und verlasse in der Hausnummer 105 die U-Bahn-Geräusche, das Straßenbahnnahen, die rasenden Autogeräusche und rastlos sich wandelnde Sichten.

Hinter den Hausmauern bin ich im Raum bei den Bildern von Jörg Frey. Vorbei die Ablenkungen. Eine Herabsetzung der Außenwelt scheint entscheidend, um ein Bewusstsein von ihr zu bekommen. Der Blick richtet sich. Masken von Lessing, Goethe, Beethoven hängen an der Wand. Ringsum stehen seine Bilder. Sichtbar wird Freys Vorliebe für Vergangenheiten. Selbsterwählten Autoritäten malt er ein Denkmal.

Ruhe. Rückzug. Gezielte Rede. Ein Zentrum, geordnet und konkret. Gelehrsamkeit und Farbstudien. Jörg Frey, ein Hieronymus im Gehäus? Renaissancegelehrter am Schreibpult? Oder barocker Hieronymus in der Wüste?

1996 schafft Frey ein Porträt des Dichters Friedrich Hölderlin unter dem Titel „Hölderlin schreibt Brot und Wein“. Ferne Erfahrungen und Vergangenes werden in Bezug zur Gegenwart gesetzt. Begegnung, Selbstbegegnung geschieht im Gedächtnis, das Hölderlin „heilig“ nennt.



Mein Blick scheut den unerträglichen Weg in die unfassbaren Wunden der Augen, in die Schwärze der Wundvertiefung, der mit härtester meisterlicher Malweise nachgegangen wird. Im Kontrast dazu faltet sich in Akribie das seelenlose Gewand am abwehrenden Arm, der sich zwischen Betrachter und Hölderlin schiebt. Dringlich gestaute Falten. Wie kann man angesichts solcher Schrecknis im Gesicht das Detail der Falte seelengefasst bewältigen? Umhüllt wird die unsichtbare Wunde unter der Faltenhülle, unter der Haut. Es lässt mich an Siegfried denken und an die Überlieferung, dass die ungeschützte Haut ein „Achtung“ ist und die Achtung nicht erfährt. Das zum Gesicht gewordene Gewand teilt sich mir mit in Abwehr. Falten sind Zeichen für den Ablauf der Zeit von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Die Zukunft weiß den Faltenwurf nicht.

Die thematischen Schwerpunkte Lebensalter, Zeitspuren des Gedächtnisses, Persönlichkeit zeigen sich in den Porträts von Goethe, Beethoven oder Victor Klemperer ebenso wie in den Bildnissen von Robert und Katrin Lehmann, von Gertrud Frey. In den Bildern beeindruckt der meisterhafte Farbauftrag. Die Seelenkraft ist „zu Bild geworden“ und verewigt. In der Reihe verschiedener Porträts positioniert sich das Einzelne bewusst innerhalb der Zeitigung des Lebens.

Solides Handwerk erinnert an vergangene und vergessene Tugenden. Jörg Frey stellt an die Technik seiner Malsprache altmeisterliche Ansprüche. Akribisch fertigt er Untermalungen an und perfektioniert die Lasurtechnik. Freys Herkunftshaut zwingt ihn zur Langsamkeit und zum Aufenthalt im Gehäuse der Vergangenheit. Das Bewusstsein seiner Endlichkeit führt ihn zum Anspruch an stetige Häutung in der Frist der Zeit, die in einem ihm eigenen Kontinuum neue „Hüllen“ und „Halte“ aktualisiert. Ein Anspruch an sich selbst und ein An-Spruch an die Anderen.

Ein Porträt entsteht: Goethe erklärt die Farbenlehre.


Untermalung mit Weißhöhung

Zwischenfirnis und erste Lasuren

Halbdeckende Übermalungen

Pastose Lichter und abschließende Übermalungen